Die Waldgeister und ihre Sippe

von Wilhelm Mannhardt

zuerst veröffentlicht in:
1877

Über das Buch

Übersicht

Der Erörterung der Baumseele lassen wir die Besprechung der Waldgeister tolgen.

War der einzelne Baum beseelt, so mußte man sich den Wald von einer Vielheit dämonischer Wesen erfüllt denken.

Dieselben erscheinen jedoch nicht mehr als die immanenten Psychen der Baumleiber, sondern als selbständige freiwaltende Persönlichkeiten, deren Leben an dasjenige der Bäume gebunden ist, und deren Verrichtungen zum Teile aus der Vorstellung des anthropomorphisierten Baumes geflossen sind, die aber gemeinhin außerhalb der Bäume wohnen und handeln.

Man könnte es gewissermaßen als ein abgekürztes Verfahren von Seiten der Phantasie bezeichnen, wird es aber natürlich finden, wenn schon einige wenige dieser Baumgeister ausreichen, um kollektivistisch den ganzen Wald zu vertreten, und wenn in die Vorstellung und den Glauben, die man von ihnen hegt, Züge übergehen, welche in plastischer Anschaulichkeit den Eindruck verkörpern, den nicht sowohl der einzelne Baum als die Gesamtheit der Bäume mit ihren Lebensäußerungen auf die menschliche Seele ausübt.

So gelten nicht allein die mannigfachen Stimmen und Töne, die im Walde laut werden, sondern auch die Bewegungen der Äste für Anzeichen von dem Dasein der Waldgeister, für Formen ihrer Lebenstätigkeit.

Was wir oben S. 42 wahmahmen, bestätigt sich hier; im Rauschen der Blätter, im Sausen und Brausen der erregten Luit macht sich die Baumseele, die Seele des Waldes selbst bemerkbar, es schweben die Waldgenien im Wirbelwinde und Sturme dahin und ziehen als Jäger oder Gejagte in der wildenjagd einher.

Der grüne Wald ist die großartigste, üppigste und augenfälligste Entfaltung von Pflanzenwuchs; deshalb wird der Waldgeist, indem er in abermaliger Begriffserweiterung generellen Charakter annimmt, zum Dämon der Vegetation; so daß er sogar in dem Leben der Kulturpflanzen waltend, Korn und Flachs hervorbringend gedacht wurde.